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Toleranzen im Spritzguss nach DIN ISO 20457

Kunststoff Mende GmbH

Toleranzen im Spritzguss nach DIN ISO 20457: Grundlagen, Planung und Praxis

Toleranzen im Kunststoffspritzguss entscheiden darüber, ob Bauteile später zuverlässig funktionieren, sicher montiert werden können und wirtschaftlich produziert werden. Für Entwicklungsleiter, Konstrukteure und Einkäufer ist es daher entscheidend, die besonderen Rahmenbedingungen der Spritzgussfertigung zu kennen und Toleranzen von Beginn an realistisch zu planen.

Dieser Beitrag erklärt, wie Toleranzen im Spritzguss entstehen, welche Rolle die Norm DIN ISO 20457 „Kunststoff-Formteile – Toleranzen und Abnahmebedingungen” spielt und wie Sie die Anforderungen Ihrer Anwendung mit den Möglichkeiten der Fertigung in Einklang bringen. So vermeiden Sie kostspielige Iterationen, unnötige Werkzeugänderungen und Reklamationen und schaffen gleichzeitig Transparenz in der Zusammenarbeit mit Ihrem Spritzguss-Partner.

Grundlagen: Was sind Toleranzen im Spritzguss?

Toleranzen im Spritzguss beschreiben den zulässigen Abweichungsbereich eines Maßes von seinem Nennwert. Sie definieren also, wie stark ein Bauteil in der Serie von der Zeichnung abweichen darf, ohne dass Funktion, Sicherheit oder Optik beeinträchtigt werden.

Im Kunststoffspritzguss sind Toleranzen besonders wichtig, weil Kunststoffe im Vergleich zu Metallen schwinden, sich deutlicher temperaturabhängig verhalten und prozessbedingte Schwankungen größer sind. Zusätzlich beeinflussen Bauteilgeometrie, Wandstärken, Werkzeugkonzept und Prozessführung die Maßhaltigkeit.

Typische Toleranzarten sind:

  • Maßtoleranzen (z.B. ±0,1 mm für lineare Maße)
  • Form- und Lagetoleranzen (z.B. Ebenheit, Parallelität, Position)
  • funktionsbezogene Toleranzen (z.B. für Passungen, Schnappverbindungen, Dichtflächen)

DIN ISO 20457 liefert für viele dieser Fälle allgemeine Toleranzen und Abnahmebedingungen, die als gemeinsamer Referenzrahmen zwischen Konstruktion, Qualität und Spritzgussfertigung dienen.

DIN ISO 20457: Norm für Kunststoff-Formteile

DIN ISO 20457:2021-06 trägt den Titel „Kunststoff-Formteile – Toleranzen und Abnahmebedingungen” und legt herstellbare Toleranzen und Prüfkriterien für nicht-poröse Kunststoff-Formteile aus Thermoplasten, thermoplastischen Elastomeren und Duroplasten fest. Sie basiert auf der internationalen ISO 20457:2018 und ist speziell auf spritzgegossene Formteile zugeschnitten.

Die Norm verfolgt zwei zentrale Ziele:

  • einheitliche, realistische Toleranzfelder für Kunststoff-Formteile bereitzustellen
  • klare Abnahmebedingungen und Prüfbedingungen zwischen Auftraggeber und Lieferant festzulegen

Wichtig: DIN ISO 20457 ersetzt keine produktspezifischen Normen, sondern ergänzt sie. Funktionskritische Merkmale können – und sollten – bei Bedarf enger toleriert und mit geometrischen Produktspezifikationen (GPS) wie Form- und Lagetoleranzen kombiniert werden.

Toleranzgruppen nach DIN ISO 20457

Eine Besonderheit der DIN ISO 20457 ist die Arbeit mit Toleranzgruppen (TG). Diese Toleranzgruppen definieren, wie eng ein Bauteil gefertigt werden soll und können abhängig von Werkstoff, Prozess und Bauteilanforderungen gewählt werden.

In der Praxis hat sich folgendes Vorgehen etabliert:

  • TG6 als Standardtoleranzgruppe für viele Spritzgussteile
  • engere Gruppen (z.B. TG4) für funktionskritische Maße und CTQs (Critical To Quality)

Die Norm stellt Tabellen bereit, in denen für jede Toleranzgruppe und Nennmaßbereiche allgemeine Maßtoleranzen angegeben sind. Damit wird transparent, welche Toleranzen bei typischen Nennmaßen wie 10 mm, 50 mm oder 100 mm wirtschaftlich erreichbar sind. Dabei hängt die Ermittlung der Toleranzgruppe von verschiedenen Punkten ab, so zum Beispiel vom Kunststoff, Werkzeug, Prozess.

Für Ihre Zeichnungen können Sie beispielsweise formulieren:

  • „Allgemeintoleranzen für nicht tolerierte Maße nach DIN ISO 20457, Toleranzgruppe TG6”
  • „Funktionskritische Maße gemäß individueller GPS-Spezifikation, ergänzt durch DIN ISO 20457 TG4”

So ist klar geregelt, welche Toleranzbasis für Standardmaße gilt und wo projektspezifische, engere Anforderungen existieren.

Wie Toleranzen im Spritzguss entstehen

Werkstoffschwindung und Materialeinfluss

Kunststoffe schrumpfen beim Abkühlen von der Schmelzetemperatur auf Bauteiltemperatur. Die Schwindung ist je nach Material, Füllstoffanteil und Fließrichtung unterschiedlich – und genau diese Effekte schlagen sich in den Toleranzgruppen der DIN ISO 20457 nieder.

Einige typische Werkstofftrends:

  • ungefüllte Standardkunststoffe (z.B. PP, PE) zeigen höhere Schwindung und größere Maßschwankungen
  • glasfaserverstärkte Kunststoffe ermöglichen tendenziell engere Toleranzen, erfordern aber eine gezielte Fließwegführung
  • Hochleistungskunststoffe (z.B. PEEK) stellen höhere Anforderungen an Werkzeug und Prozessführung, was bei der Auswahl der Toleranzgruppe berücksichtigt werden muss

Je besser der Werkstoff verstanden ist und je stabiler die Prozessführung, desto eher können engere Toleranzgruppen (z.B. TG4) sicher eingehalten werden.

Geometrie, Wandstärken und Werkzeugkonzept

Bauteilgeometrie und Wandstärkenverlauf beeinflussen massiv, wie stabil ein Bauteil in Serie reproduziert werden kann. Dickwandige Bereiche kühlen langsamer, neigen zu Schwindungsdifferenzen und können zu Verzug oder lokalen Maßabweichungen führen. Dünnwandige Bereiche reagieren empfindlich auf kleinste Prozessschwankungen.

Das Werkzeugkonzept unterstützt oder begrenzt die erreichbare Toleranzlage:

  • symmetrische Anspritzung und durchdachte Angusskonzepte
  • ausreichend dimensionierte, gleichmäßige Kühlung
  • reproduzierbare Mehrkavitäten-Konzepte bei Serienwerkzeugen

Bei der Auswahl der Toleranzgruppe sollten Sie daher stets die Kombination aus Material, Bauteilgeometrie und Werkzeugaufbau berücksichtigen.

Prozessparameter und Reproduzierbarkeit

Auch bei identischem Werkzeug und Material entscheidet die Prozessführung darüber, wie gut Toleranzen gehalten werden. Werkzeugtemperatur, Massetemperatur, Einspritzgeschwindigkeit, Nachdruck und Kühlzeit beeinflussen Maßhaltigkeit und Verzug.

In der Praxis bedeutet das:

  • definierte Prozessfenster sichern die Einhaltung der Toleranzgruppen ab
  • statistische Prozesskontrolle (SPC) zeigt frühzeitig Trends und Abweichungen
  • dokumentierte Einstelldaten dienen als Referenz bei Reklamationen oder Serienanläufen

DIN ISO 20457 fordert und unterstützt diese systematische Betrachtung, indem sie Toleranzen mit klar beschriebenen Abnahme- und Prüfbedingungen verknüpft.

Typische Toleranzbereiche im Spritzguss nach DIN ISO 20457

Die Norm DIN ISO 20457 stellt allgemeine Maßtoleranzen in Tabellenform bereit, gestaffelt nach Nennmaßbereichen und Toleranzgruppen. Für ein praxisnahes Verständnis können Sie mit Richtwerten rechnen, die in vielen Projekten auftreten.

Beispielsweise ergeben sich für Standardanwendungen mit Toleranzgruppe TG6 und typischen Thermoplasten häufig Toleranzbereiche von etwa:

  • bis ca. 10 mm Nennmaß: Toleranzen im Bereich von wenigen Hundertstel bis rund ±0,1 mm
  • 10 mm bis 100 mm Nennmaß: Toleranzen im Bereich von rund ±0,1 bis ±0,3 mm
  • größere Maße über 100 mm: Toleranzen im Bereich von einigen Zehntelmillimetern

Für funktionskritische Maße kann unter definierten Rahmenbedingungen (z.B. stabiler Prozess, geeigneter Werkstoff, optimiertes Werkzeug) eine engere Toleranzgruppe wie TG4 gewählt werden. Dabei steigt jedoch der Aufwand in Werkzeugbau, Prozessführung und Qualitätssicherung – was sich auf Werkzeug- und Stückkosten auswirkt.

Wichtig ist: Die konkreten Grenzabmaße sind der Norm bzw. den Toleranztabellen zu entnehmen und gemeinsam mit Ihrem Spritzguss-Partner zu bewerten.

Abnahmebedingungen und Prüfstrategie nach DIN ISO 20457

Ein wesentlicher Mehrwert von DIN ISO 20457 liegt in den klar beschriebenen Abnahmebedingungen. Die Norm regelt, wie und unter welchen Bedingungen Kunststoff-Formteile geprüft und bewertet werden sollen.

Dazu gehören unter anderem:

  • Bezugstemperatur und klimatische Bedingungen (z.B. 23 °C, definierte Feuchte)
  • Bezugs- und Messbedingungen (Lagerdauer nach Entformung, Messmittel)
  • Definition von Bezugssystemen und Referenzen für die Maßprüfung

Für Sie als Auftraggeber bedeutet das:

  • Mess- und Prüfergebnisse sind zwischen verschiedenen Partnern besser vergleichbar
  • Freigaben (PPAP, PPF) basieren auf nachvollziehbaren, normativ beschriebenen Kriterien
  • Diskussionen über Messbedingungen oder Prüfaufbauten werden reduziert

Empfehlenswert ist, diese Punkte auf der Zeichnung oder in Spezifikationsblättern zu ergänzen, z.B. durch Hinweise zur Norm, zur Bezugstemperatur und zu besonderen Prüfanforderungen.

Vorteile realistischer Toleranzen nach DIN ISO 20457

Realistische, normgestützte Toleranzen sind ein wesentlicher Hebel für Kosten, Qualität und Projektsicherheit. Übertriebene, nicht abgestimmte Toleranzforderungen führen häufig zu:

  • unnötigen Werkzeugkorrekturen und längeren Abmusterungsphasen
  • erhöhten Ausschussraten und Nacharbeitsaufwänden
  • schwierigen Diskussionen bei Reklamationen

Mit Toleranzgruppen nach DIN ISO 20457 können Sie:

  • Erwartungen zwischen Konstruktion, Einkauf und Fertigung frühzeitig synchronisieren
  • Angebote besser vergleichbar machen (z.B. „Angebot gilt für DIN ISO 20457 TG6“)
  • Qualitäts- und Prüfkonzepte auf eine einheitliche Basis stellen

Die Norm hilft somit, „Angsttoleranzen” zu vermeiden und den Fokus auf wirklich funktionskritische Maße zu legen.

Vorgehen zur Toleranzfestlegung im Projekt

Schritt 1: Funktionsanalyse und Priorisierung

Analysieren Sie zunächst die Funktionen Ihres Bauteils:

  • Welche Maße sind für die Funktion kritisch (z.B. Passung, Dichtfläche, Rastgeometrie)?
  • Wo bestehen besondere optische Anforderungen (Sichtflächen, Design)?
  • Welche Bereiche sind unkritisch und können großzügig toleriert werden?

Ordnen Sie die Merkmale in Klassen wie „kritisch”, „wichtig” und „unkritisch” ein. So lässt sich später gezielt festlegen, wo TG4 sinnvoll ist und wo TG6 oder sogar großzügigere Toleranzgruppen ausreichen.

Schritt 2: Auswahl der Toleranzgruppe

Wählen Sie gemeinsam mit Ihrem Spritzguss-Partner eine Toleranzgruppe als Basis – in vielen Fällen bietet sich TG6 als wirtschaftlicher Standard an. Für funktionskritische Maße kann individuell TG4 oder eine projektspezifische GPS-Spezifikation vereinbart werden.

Berücksichtigen Sie bei der Wahl der Toleranzgruppe:

  • Werkstoff (E-Modul, Schwindung, Datenlage)
  • Prozess (Spritzgussmaschine, Serienlosgröße, Automatisierung)
  • Bauteilgeometrie und Werkzeugaufbau

Dokumentieren Sie die gewählten Toleranzgruppen und deren Gültigkeitsbereich in Zeichnung, Spezifikationen und ggf. in Ihrem Lastenheft.

Schritt 3: Abmusterung, Messstrategie und Freigabe

Bei der Werkzeugabmusterung werden die vereinbarten Toleranzen praktisch überprüft. Vorgehensweise:

  • definieren Sie einen Messplan mit Fokus auf funktionskritische Maße
  • fertigen Sie Musterteile unter produktionsnahen Bedingungen
  • dokumentieren Sie Messergebnisse und Prozessparameter

Auf Basis dieser Daten werden Prozessfenster festgelegt, Cpk-Werte bewertet und ggf. Werkzeugkorrekturen eingeleitet. Ziel ist, die gewählte Toleranzgruppe unter Serienbedingungen sicher einzuhalten.

Schritt 4: Serienbegleitung und Anpassungen

Auch nach der Freigabe sollten Sie Toleranzen und Prozessfähigkeit im Blick behalten:

  • nutzen Sie SPC, um Abweichungen früh zu erkennen
  • überprüfen Sie Toleranzen bei Änderungen an Material, Werkzeug oder Maschine
  • passen Sie bei Bedarf Prüfpläne oder Toleranzanforderungen an

So stellen Sie sicher, dass Ihr Bauteil über den gesamten Lebenszyklus hinweg innerhalb der vorgesehenen Toleranzen bleibt.

Praxis-Tipps und Best Practices

Für Konstrukteure

  • Planen Sie Toleranzen von Anfang an mit DIN ISO 20457 als Referenz.
  • Vermeiden Sie unnötig enge Toleranzen bei unkritischen Merkmalen.
  • Kennzeichnen Sie funktionskritische Maße klar und ergänzen Sie sie bei Bedarf mit GPS-Spezifikationen.

Für Einkäufer und Projektleiter

  • Fragen Sie Ihre Lieferanten gezielt nach der verwendeten Toleranzgruppe.
  • Bewerten Sie Angebote immer im Kontext der geforderten Toleranzen (z.B. TG6 vs. TG4).
  • Vereinbaren Sie klare Qualitäts- und Abnahmebedingungen nach DIN ISO 20457.

Für Qualität und Serienfertigung

  • Legen Sie Mess- und Prüfkonzepte normbasiert fest.
  • Dokumentieren Sie Prozessfenster und überwachen Sie diese kontinuierlich.
  • Nutzen Sie die Norm als Referenz, um Diskussionen zu objektivieren und Reklamationsfälle sachlich zu klären.

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